Menü
Anmelden
Wetter Regenschauer
24°/17°Regenschauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland

Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck

Home Themenwelten Gesundheit & Pflege Corona verändert die Trauer- und Friedhofskultur
Anzeige
13:25 12.04.2021
Bernd K. Jakob ist Friedhofsbeauftragter im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg. Foto: Tim Karweick

Corona greift tief in die Gesellschaft ein. Seit mehr als einem Jahr ist selbst der letzte Weg auf Abstand zu begleiten. Bernd K. Jacob, Friedhofsbeauftragter im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg, blickt zurück auf die Trauerfeiern und die Friedhöfe während der Pandemie – wie es wurde und was neu entstanden ist.

Den letzten Weg konnten viele An- und Zugehörige nicht mehr mitgehen. Die Corona-Pandemie hat Trauerfeiern und Bestattungen massiv verändert. Was ist anders?

Bernd K. Jacob: 2020 hat die Welt auf den Kopf gestellt und das von Anfang bis Ende. Vor allem war es die Unsicherheit, die uns in den ersten Monaten Kopfzerbrechen gemacht hat. Was ist richtig, wie weit muss Distanz sein, wie viel Distanz ertragen wir? All die Fragen, die wir uns schon unter Kollegen und in den Familien stellen mussten, hatten auch Auswirkung auf das Miteinander auf den Friedhöfen, auf die praktische Umsetzung selbstverständlicher Rituale und eine noch viel endgültiger wirkende Realität des Todes.


Wie ließen sich diese Fragen beantworten?

Ein erster Lösungsansatz waren Trauerfeiern im Freien. Der Sommer 2020 spielte oft auch mit, so dass sich doch kleine Gruppen bilden konnten, Zeit für Abschied entstand, Friedhofsmitarbeitende wie auch Bestatter in kleinem Rahmen begleiten und für andere Menschen da sein konnten. Immer wieder kamen neue Regeln, jede Trauerfeier musste neu gedacht werden, jeder Abschied war anders, Routine gab es nicht mehr. In vielen Familien gab es anfänglich die Hoffnung auf eine nachträgliche Feier, ein paar Wochen später, aber auch das ließ die Realität nicht zu. Trauergemeinden sind klein, sehr klein, mancherorts gehen zehn Personen, in machen Kirchen 50, zurzeit ist die Richtlinie bei 25. Und in einer Woche kann es wieder ganz anders aussehen. Abschiede am Grab gehen also gerade nur in ganz kleinem Kreis, ohne familiäres Treffen und die sonst so heilende Wirkung des Beisammenseins. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als ob Trauernde alleingelassen werden, zeigt sich doch, dass der Ausdruck des „ich bin bei Dir“ ganz neue Qualitäten erreicht, aus den Kreisen der Kirchengemeinde, in ausführlichen Kondolenzbriefen von Nachbarn oder in aufmunternden Blumengrüßen, die versendet werden, weil die Absender nicht anreisen dürfen und oft hilflos sind, was sie sonst machen könnten. Wir lernen alle tröstende Gesten zu vermitteln, trotz Maske und Abstand. Wir finden Zeit, um doch ausführlicher zu reden oder wir finden die Kraft zurückzustehen, weil andere erst mal dran sind.

Der Friedhof gilt als Ort der Trauer. In der Corona-Zeit wurde er aber auch zu einem Ort der Begegnung. Wie hat sich das entwickelt?

Wir haben das große Glück, dass wir in einem System leben, in dem wir uns an Regeln halten können und Notleidende mit vereinten Kräften aufgefangen werden. Am Anfang der Pandemie jagten uns Bilder von Kühlcontainern in den Straßen New Yorks, Felder ausgehobener Grabreihen in Lateinamerika oder menschenleeren Städten in Asien einen Schrecken ein. Täglich stimmten uns die Zahlen der europäischen Nachbarn pessimistischer. Viele dieser Bilder sind uns als Gesellschaft bis jetzt erspart geblieben, im einzelnen Trauerfall hilft das aber auch nicht. Was hilft, ist das Gefühl, nicht alleine zu sein. Dass nach dem Schmerz die Hoffnung kommt. Dass das Leben um uns rum weitergehen kann und wird. Das ist auf den Friedhöfen deutlich zu spüren. Zwei Reihen neben einer kleinen Beerdigungsgesellschaft sitzen junge Menschen auf einer Bank und beobachten interessiert, Freunde treffen sich in unseren „Gärten“, die jetzt als öffentliches Grün mitten in den Orten, eine Begegnung zulassen. Familien besuchen ihre Gräber, mit ein paar Blumen, Hacke und Schaufel, geben Geschichten und Erinnerungen weiter – „es gibt ja sonst grad nichts zu tun!“ – erzählt mir eine junge Mutter. Ob wir also ein Grab besuchen oder nur spazieren gehen, ob wir einfach mal die Ruhe eines Friedhofs brauchen oder darauf hoffen, zufällig jemandem zu begegnen, der ein Lächeln und ein paar Worte für uns hat, auf Friedhöfen spüren wir gerade in diesen Zeiten das Gefühl von Gemeinschaft. Namen erzählen Geschichten und Erinnerungen lassen uns Dinge wieder erleben, obwohl neue Begebenheiten in Lockdown-Zeiten rar gesät sind. Wir lernen Kommunikation über mehrere Ebenen. Gerade jetzt ist spürbar, warum die deutsche Friedhofskultur mit all ihren Facetten in die UNESCO-Liste des immateriellen Erbes aufgenommen wurde. Friedhöfe sind nicht nur Trauer, sondern auch ganz viel Hoffnung, Gemeinsamkeit, Liebe und Kreativität.

Wie äußert sich diese Gemeinsamkeit?

Ich habe neulich einen trauernden Mann beobachtet, der ein paar Blümchen an ein Grab bringen wollte. Als er ankam, sah er, dass ein ganz frisches Sträußchen dort stand, er war sichtlich irritiert und sein Blick suchte den Friedhof ab. Jemand war dort gewesen, mit dem der trauernde Mann nicht gerechnet hätte. Er war offensichtlich nicht alleine, holte eine zweite Steckvase und stellte sie mit seinem Strauß ganz dicht an das erste Sträußchen. Vielleicht gab es sogar einen Funken Freude in der Trauer?

Was können wir mitnehmen aus dieser Corona-Zeit?

Die Zeit für Verabredungen und Termine, die uns gerade versagt werden, lässt viele von uns auch alleine stehen, oft wird die Sehnsucht nach einer Hand oder Schulter unerträglich. Bei anderen schärft sie die Beobachtungsgabe und wieder andere entwickeln mit nahezu endloser Kreativität neue Kommunikationswege. Gemeinschaft ist nicht mehr selbstverständlich und dass wir mit Zurückhaltung für andere das Leben ein wenig besser machen können, ist für die meisten Menschen auch neu. In der Not entstehen neue Möglichkeiten, wie Beerdigungen unter freiem Himmel. Und viele sagen im Nachhinein: „Das war wunderschön so!“ Wir haben gelernt, dass Routine aufbrechen kann, dass ein wenig Mehraufwand auch ein „Wir sind da“-Zeichen sein kann, dass der Klang einer einzelnen Trompete viel unverwechselbarer und weiter hörbar ist, als das Lieblingslied aus dem CD-Player. Vielleicht lernen wir jetzt, uns nicht an dem zu orientieren, was andere denken, sondern auf andere zu achten – von Anfang bis Ende.
      

1
/
13