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00:09 08.12.2020
Die familiäre Weihnachtsfeier muss in diesem Jahr kein Traum sein. Foto: Thomas Biller

Ich freue mich auf dieses Weihnachtsfest. Alles ist anders, als ich es aus meiner Kindheit und Jugend kenne. Draußen liegt kein Schnee, ich laufe nicht mehr Gefahr, einen kratzigen Rollkragenpullover geschenkt zu bekommen und mit einem Bonanza-Fahrrad könnte man mir nicht mehr wirklich Freude bereiten.

Die Kinder sind groß und haben sich in ihrem Leben eingerichtet. Sie tauschen immer mal wieder mit der besten Ehefrau, die ich mir vorstellen kann, neue Ideen für nachhaltige Produkte und Basteleien aus. Und meine Mutter freut sich, wie in jedem Winter („Hoffentlich werden die Tage bald wieder länger“), über ein neues Puzzle („Aber nicht unter 1000 Teile“ – ja, meine Mutter liebt die Herausforderung) und den in unserer Küche selbstgemixten Eierlikör („Nicht wieder so süß“ – Ach ja, Mütter: ich hab dich trotzdem lieb). Tante Sabine freut sich auch über Eierlikör, handgeschriebene neue Backrezepte und ein paar vermeintlich exotische Zutaten, die dazu eingepackt werden („Das habe ich bei meinen Feinkost-Geschäft noch nie gesehen!“).

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Alles ist für dieses besondere Fest vorbereitet. Ich habe mir fest vorgenommen, von Heiligabend bis Jahresende mein eigens eingerichtetes Home-Office unter dem Dach nicht zu betreten.

Letze Vorbereitungen vor dem Fest

Einige Flaschen Eierlikör sind „gebraut“, Rezepte geschrieben und alles schon vor einer Woche an Tante Sabine versendet worden. Das Puzzle für Mutter (ein Sonnenaufgang über der Ostseeküste) wurde mit einem langen handschriftlichen Brief sowie aktuellen Fotos angereichert und in ein fröhlich verziertes Paket geschnürt. Es ist auch schon angekommen („Da bin ich ja neugierig“, hat sie gesagt).

Meine Frau und ich haben alles, was außer Haus zu erledigen ist, vor einer guten Woche erledigt. Von den Kindern kommen Jakob und seine Frau Lena nach einer Woche Quarantäne heute zu Besuch. „Keine Geschenke, wie immer. Abgemacht?“ Lena und meine Frau „basteln“ am vegetarischen Auflauf, Jakob und ich handeln beim Schmücken des Baumes die großen weltpolitischen Themen ab und stellen – wie so oft – fest, dass wir ähnlich ticken.

Das Telefon schrillt, Tante Sabine ist am Apparat. „Ach, Ihr Lieben, das ist aber schön. Und der Likör ist gar nicht so süß!“. Wir plaudern ein wenig und sind uns sicher, dass wir nächstes Weihnachten wieder hier zusammensitzen. „Ich rufe Dich morgen wieder an“, verspreche ich zum Abschied nach einer guten Stunde des Telefonierens.

Der Auflauf gart vor sich hin und zu viert rufen wir meine Mutter an. „Stell den Lautsprecher an, dann kannst Du nebenbei auspacken und mit uns sprechen“, sage ich zu ihr. Unser Lautsprecher ist auch an und zu viert singen wir für Mutter etwas, das entfernt an „Jingle Bells“ erinnert. „Oh je“, sagt Mutter, „1200 Puzzle-Teile! Wann soll ich das schaffen?“ Ich muss lachen. „Ach, die Tage werden doch schon wieder länger.“

Weihnachten 2020 – schön ist es doch. Foto: Biller
Weihnachten 2020 – schön ist es doch. Foto: Biller

Besonders freut sie sich über einen Geschenkgutschein. Nach Weihnachten werden eine Tänzerin und ein Tänzer der Ballettschule ein paar Szenen auf dem Bürgersteig tanzen, die sie vom Balkon aus verfolgen kann. „Ihr habt verrückte Ideen. Danke“, sagt Mutter.

„Wir wollten uns doch nichts schenken“, sagt Lena, aber ihre Augen strahlen, als sie mit Jakob den Umschlag öffnet, der unter dem Baum liegt. Sie haben einen Gutschein erhalten, mit dem sie in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten einen geführten Spaziergang mit Lamas machen können. „Wir wollten das auch schon immer machen“, sage ich.

Ich sehe mich schon an der Leine des Lamas. Wir wandern ganz entspannt im Schein der tief stehenden Sonne. Der weiche Wiesenboden federt jeden Schritt sanft ab. Meine Füße und Beine werden leichter. Immer leichter. Gemeinsam lösen wir uns vom Boden. Das Lama kann fliegen und nimmt mich mit. Immer höher, immer schneller.

Punsch trinken mit den lieben Nachbarn

„Schatz? Scha-hatz!“, kann ich vernehmen. Es ist die Stimme meiner Frau. „Du wolltest unseren Nachbarn etwas vor die Haustür legen, morgen ist Nikolaustag.“ „Nikolaustag? Nein, nein“, entgegne ich mit einem langen Gähnen, „wir hatten doch schon Bescherung!“ „Unsinn“, sagt sie in einem nun etwas forscheren Ton, „wir haben morgen gerade einmal den zweiten Advent. Jetzt steh endlich auf und zieh den albernen Mantel aus!“

Sie hat Recht: Ich bin im Weihnachts-Kostüm gestern Abend auf dem Sofa vorzeitig eingeschlafen. Jetzt ist es taghell. Und das in meiner Hand ist nicht die Leine, an deren anderem Ende ein leichtfüßiges Lama grinst, sondern der Gürtel dieses roten Mantels. Ich habe alles nur geträumt. Aber da war sehr viel Schönes bei.

„Das mit den Nachbarn mache ich“, sage ich langsam. Mit den Nachbarn haben wir gestern Punsch getrunken. Mit Abstand und Anstand, aber ich vertrage keinen Punsch. Das hat sich erneut bestätigt. „Dein Schnarchen habe ich bis ins Schlafzimmer gehört“, sagt die Gattin, als sie die Fenster zum Lüften aufreißt.

Ich setze mich auf, streife endlich diesen Mantel ab und fahre mir in der Hoffnung nach etwas Ordnung durch die Resthaare auf dem Kopf. „Ich erledige das und gleich morgen besorgen wir die Zutaten für Eierlikör und noch ein großes Puzzle. Und Gutscheine will ich auch noch schreiben“, sage ich lächelnd zu meiner Frau. „Morgen ist Sonntag“, sagt sie in einem seriösen Ton und fragt mich, woher ich denn plötzlich so viele Ideen her habe.

„Ach“, sage ich, „wer mit Lamas fliegt, kann noch mehr Kreativität entwickeln. Ich freue mich eben schon auf Weihnachten!“ Ein scharfer Blick. „Das tue ich auch“, sagt die Ehefrau, „und bis dahin denke ich mir Rezepte für alkoholfreien Punsch aus“. Thomas Biller
  

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