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Home Themenwelten Gesamtausgabe Die „Online-Pandemie“: Schwerstarbeit für die Augen
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14:02 22.04.2021
Müde, gerötete, oft auch trockenen Augen – zu lange Bildschirmarbeit bereitet den Augen Probleme. In Zeiten des Homeoffice ist das sogenannte „Office-Eye-Syndrom keine Seltenheit. Fotos: sebra, phive2015 - stock.adobe.com

Mit Corona verlagerte sich das Leben noch weiter ins Netz: Arbeit und Freizeitaktivitäten lassen sich teilweise nur noch online ausüben. Für die Augen bedeutet die Zeit am Bildschirm eine zusätzliche Belastung. Welche Folgen dies hat, ist noch unklar. Vorbeugung ist dennoch das Gebot der Stunde.

Viele Menschen haben sicher noch die warnenden Worte ihrer Mutter im Ohr: „Kind, sitz nicht so viel vorm Bildschirm, du ruinierst dir die Augen!“ Geholfen hat dies meist nichts und hält niemanden vom ausdauernden Gebrauch von Smartphone, Laptop und Co. ab. Mehr als sechs Stunden täglich verbrachten die Deutschen im Corona-Jahr 2020 im Internet, vor dem Fernseher oder mit Videospielen. Dank Online-Konferenzen in Beruf und Freizeit brachte Covid-19 den ohnehin gestressten Augen mühevolle Überstunden. Ist jetzt womöglich der Zeitpunkt erreicht, die Warnungen der Mutter ernst zu nehmen?

Kurzsichtigkeit bei Kindern nimmt zu

Die Wissenschaft tut sich schwer, eine klare Aussage über die Gesundheitsgefährdung durch digitale Medien zu machen. Langjährige Studien mit Bildschirmarbeitern haben zwar keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Fehlsichtigkeit und langen Zeiten vor einem Monitor erkennen lassen. Doch zwei Faktoren haben sich in den vergangenen Jahren geändert und könnten in Zukunft für böse Überraschungen sorgen: Zum einen werden die Medienkonsumenten immer jünger und reagieren möglicherweise anders auf visuelle Belastungen. Zum anderen hat sich die Technik weiterentwickelt, so dass statt Röhrengeräten nunmehr Flachbildschirme mit LED-Licht die Leistungsfähigkeit der Augen herausfordern.

Eltern sehen sich immer häufiger damit konfrontiert, dass ihr Nachwuchs auch digitale Welten erobern will. Zumindest in Deutschland scheint dies jedoch keinen Einfluss auf die Kurzsichtigkeit (Myopie) von Kindern zu haben. Wie die KiGGS-Studie anhand von zwei Vergleichsgruppen aus den Jahren 2003-2006 und 2014-2017 gezeigt hat, blieb der Anteil der Kurzsichtigen stabil bei 11,4 Prozent, nach zuvor 11,6 Prozent. Dennoch schlagen Gesundheitsexperten weltweit Alarm, dass sich Kurzsichtigkeit exorbitant ausbreite. Die WHO spricht bereits von einer Pandemie.

In etlichen Ländern hat jeder zweite junge Mensch eine Myopie, in Fernost sind die Zahlen noch dramatischer. Welchen Beitrag daran die Zeit am Smartphone hat oder ob ein mangelnder Aufenthalt im Freien die Hauptursache darstellt, ist noch unklar. Bisher liefern Untersuchungen hierzu widersprüchliche Ergebnisse. Fest steht jedoch: Myopie ist nicht nur ein banales Handicap, sondern erhöht auch enorm das Risiko für schwerere Augenerkrankungen wie Netzhautablösungen oder Glaukome.

Längst sind Hörgeräte keine klobigen Monster mehr, heute sind sie so klein, dass sie kaum noch auffallen. Foto: aerogondo - stock.adobe.com
Längst sind Hörgeräte keine klobigen Monster mehr, heute sind sie so klein, dass sie kaum noch auffallen. Foto: aerogondo - stock.adobe.com

Blaulicht unter Verdacht

Während einerseits das langfristige Fokussieren auf das nahe Display die Augen schädigen könnte, wird andererseits das Farbspektrum der Minibildschirme als kritisch angesehen. LED-Lampen bringen zwar mit wenig Stromverbrauch ein helles Licht hervor, haben jedoch einen hohen Anteil im blauen Frequenzbereich. Da kurzwelliges Licht generell energiereicher ist, befürchten einige Wissenschaftler bei längerer Bestrahlung des Auges irreversible Schäden in der Netzhaut. Im Tierversuch stellten französische Forscher fest, dass Sehzellen von Ratten bereits bei einer Beleuchtungsstärke von 500 Lux mit LED-Licht absterben können. Vor dem Hintergrund, dass diese Helligkeitsstufe bereits bei einem gut ausgeleuchtetem Büroplatz erreicht ist, mag dies durchaus beunruhigen.

Einige Wissenschaftler vermuten durch den blauen Lichtanteil ein erhöhtes Risiko für eine alters bedingte Makuladegeneration (AMD). Bei dieser Krankheit gehen Sehzellen an der Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut zugrunde. Von der Sehstörung betroffen sind meist Menschen nach dem 60. Lebensjahr. Die Beweislage für diese Theorie ist allerdings äußerst schwach. Augenärzte raten daher nicht dazu, spezielle Brillen mit Blaufilter vor dem Computer zu benutzen. Schädlich sind diese aber auch nicht, manche Nutzer empfinden ihren Effekt als wohltuend.

Weniger dramatisch, aber auch unangenehm, sind die Auswirkungen blauen Lichts auf den menschlichen Tag-Nacht-Rhythmus. Vielen Menschen fällt es am Abend schwer, nach stundenlangem Surfen im Internet entspannt einzuschlafen. Der Gebrauch von hellen Lichtquellen gaukelt dem Körper vor, dass der Tag noch längst nicht vorbei ist. Die Ausschüttung des „Schlafhormons“ Melatonin wird durch Licht gebremst.

Mediziner kennen das Problem und wissen Rat: „Am besten halten Sie sich zwei bis drei Stunden vor dem Zu-Bett-Gehen von Bildschirmen fern“, empfiehlt Prof. Hans-Jürgen Grein von der Fachgruppe Medizinische Optik an der TH Lübeck. Wer partout bis zuletzt sein Smartphone nutzen möchte, sollte aktiv den Blauanteil in den Display-Einstellungen herunterregeln. Mittlerweile gibt es einige Apps, die einen Wechsel zu wärmeren Farbtönen auf dem Bildschirm in den Abendstunden automatisch vornehmen.

Blinzeln als Prophylaxe

Wer viel Zeit am Rechner verbringen muss, sollte generell vorbeugend für seine Augen sorgen. Ein noch nicht ganz verstandenes Phänomen hat zur Folge, dass Menschen beim Blick auf einen Monitor viel weniger blinzeln als in anderen Situationen. Während sich bei alltäglichen Handlungen die Lider etwa 15 Mal in der Minute schließen und wieder öffnen, sinkt die Häufigkeit vor einem Display auf drei bis fünf Mal. Somit werden die Augäpfel wesentlich schlechter mit Tränenflüssigkeit versorgt.

Das Gefühl von trockenen, brennenden und müden Augen hat nach einer langen Zeit im Internet also einen leicht erklärbaren Hintergrund. „Wenn man hier bewusst gegensteuert und regelmäßig daran denkt zu blinzeln, erspart dies den Augen viel Stress“, konstatiert Grein. Auch in diesem Fall können Apps oder kleine Programme Hilfe leisten. Wird über einen langen Zeitraum viel zu wenig geblinzelt, zeigt der Körper zudem bedenkliche Veränderungen. Grein hat bei Studierenden festgestellt, dass die Zahl ihrer Meibomschen Drüsen auf bis zu ein Drittel zurückgegangen ist. Diese Drüsen sondern eine ölige Substanz ab, die das Verdunsten von Tränenflüssigkeit bremst. „Ob der Abbau der Drüsen reversibel ist, weiß noch niemand. Möglicherweise haben wir bald eine ganze Generation von Menschen mit trockenen Augen“, sagt Grein. Um einer Austrocknung entgegenzuwirken, kann der Einsatz von künstlichen Tränen durchaus sinnvoll sein.

Vitamine schützen vor UV-Licht

Nie außer Acht lassen sollten exzessive Internetnutzer außerdem eine ausgewogene Ernährung. Ganz oben auf der Liste steht eine angemessene Flüssigkeitszufuhr. Denn nur wer genug trinkt, kann ausreichend Tränenflüssigkeit produzieren. Zudem ist die Zufuhr von Vitamin A, das beispielsweise in Karotten oder roter Bete enthalten ist, wichtig. Ohne dieses Vitamin ist der Sehvorgang überhaupt nicht möglich, zusätzlich schützt es die Zellen vor harter, zerstörerischer UV-Strahlung der Sonne. Gegen oxidativen Stress, der gerade im Auge viel Schaden anrichten kann, sind außerdem Vitamin-Chaltige Lebensmittel, wie Obst und Gemüse, hilfreich. Nicht zuletzt betonen Ernährungsexperten die Bedeutung von Omega-3-Fettsäuren aus Leinöl, Nüssen und Fisch für gesunde Augen. Sie halten feinste Blutgefäße flexibel, die die Netzhaut als verästeltes Geflecht durchziehen – und sind Bestandteil von Tränen.

Die Augen wach halten

Jeder sollte sich bewusst machen, dass auf Monitore starrende Augen Hochleistungen vollbringen. „Damit das Risiko von Schäden so gering wie möglich gehalten wird, kann man ihnen die Arbeit zumindest erleichtern“, rät Grein. Bewährt habe sich die 20-20-20-Regel von britischen Kollegen. Alle 20 Minuten sollte der Blick mindestens 20 Sekunden auf Objekte in mindestens 20 Fuß (britisches Maß, also etwa sechs Meter) Entfernung gerichtet werde. Das gewährt dem Auge die nötige Pause, um nicht zu schnell zu ermüden. Vor allem für Kinder ist das Schauen in die Ferne ein wichtiger Aspekt, um eine gesunde Entwicklung der Augen zu fördern. „In diesem Punkt sind besonders die Eltern gefragt“, appelliert Grein. Auch in Corona-Zeiten sollten Kinder und Jugendliche ihren Augen zuliebe viel Zeit an der frischen Luft verbringen. Das Risiko für Kurzsichtigkeit ließe sich so deutlich reduzieren. Mario Lips
       

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