Menü
Anmelden
Wetter heiter
23°/3°heiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland

Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck

Home Sonderthemen Wochenspiegel Die Schafe kehren wieder in die Hansestadt Lübeck zurück
10:32 10.09.2020
Landschaftspflege mit Schafen im Moislinger Obst-Biotop Foto: Hanse-Obs
Kohlmarkt Apotheke & Panda Apotheke Travemünde

In der Hansestadt leben wieder 3000 Schafe. Neben Wolle, Milch und Fleisch leisten sie erstklassigen Landschaftsschutz. Die sanften und völlig ungefährlichen Tiere sind ideale Begleiter des Menschen und für die Naturpädagogik mit Stadtkindern sind Schafe bestens geeignet: Auf dem Ringstedtenhof und beim Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer, beide mit angegliedertem Kindergarten, gehören Schafherden wie selbstverständlich dazu.

Auch der 2016 gegründete Hanse-Obst e.V. nutzt für seine Obst- und Naturpädagogik an Lübecker Kitas und Schulen zwei kleine Herden. Diese Tiere fühlen sich unter Obstbäumen besonders wohl und pflegen zugleich die vom Verein betreuten Flächen mit inzwischen über 25 Hektar. Aber auch Privatpersonen mit kleineren Grünflächen entdecken Schafe für sich. Das sogenannte Urban Livestock Farming hat neben den Hühnern nun auch Schafe im Focus.


Markisen-Hof-Lübeck

Schafe haben Obstbäume zum Fressen gern

Durch die Rückbesinnung auf Natürliches und Regionales während der derzeitigen Corona-Krise liegen Schafe und Obstbäume, möglichst alter Rassen bzw. Sorten, voll im Trend. Die Essbare Stadt Lübeck wächst. Dabei gilt: Schafe lieben Obstbäume und Obstbäume lieben Schafe. Allerdings sind die Bäume vor den Tieren zu schützen.

Schafe lieben es, unter lichten Obstbäumen zu lagern, und deren Blätter, Zweige und Früchte zu fressen. Sie können aber durch Stamm-Verbiss erheblichen Schaden anrichten; zuletzt erlebt auf einer beweideten Obstfläche in Scharbeutz. „Obstbäume werden von Schafen bis zum Totalschaden entrindet, sie müssen also dringend eingezäunt werden“, so Matthias Braun vom Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer. Sein Verein betreut in Lübeck die mit Abstand größte Schafherde: insgesamt 1750 Tiere.

Milchschafe auf Lübecker Weide. Foto: Hanse-Obst
Milchschafe auf Lübecker Weide. Foto: Hanse-Obst

Schafrassen, die Obstbäume nicht verbeißen, gibt es nur in der Theorie, die Praxis sieht anders aus. Einmal auf den Geschmack gekommen, sind Schafe nur durch massive Schutzvorrichtungen zu bremsen. Die gute Nachricht: Verbiss durch Schafe schädigt die Bäume nicht so schnell wie etwa durch Pferd, Reh oder Rind.

Schafe sind trotzdem ideal für die Beweidung von Obstarealen: Sie bringen eine natürliche Düngung für unsere Bäume, ihre Ausscheidungen ziehen unzählige Insekten an. Im Zeitalter des Insektensterbens ein wichtiger Aspekt. Das lockt Fledermäuse und Vögel an, die wiederum sorgen für Blätter mit weniger Blattläusen und Früchte ohne Madenbefall. Für Obst-Biotope sind Schafe ein Glücksfall. Wildblumen können sich gut entwickeln, wenn die Tiere öfter den Standort wechseln.

Schafe gehören zu den ältesten Wirtschaftstieren in der Hansestadt, das belegen Knochenfunde bei archäologischen Ausgrabungen in der Altstadt. Seit etwa 10 000 Jahren sind sie friedliche Begleiter des Menschen. Unfälle mit Schafen sind viel seltener als solche mit anderen Tieren. Im Uni-Klinikum mussten Kinder nach Bisswunden von Hasen und Hähnen schon notoperiert werden, von Schafen ist dies nicht überliefert.

Köstlich: Schafjoghurt. Foto: Hanse Obst
Köstlich: Schafjoghurt. Foto: Hanse Obst

Hirtengang, Hirtenstraße, Hirtenberg, Schäferkamp und Schafberg sind alte Lübecker Bezeichnungen, die an die Bedeutung dieser Tiere erinnern. „Den vielfältigen Wert der Schafe entdecken wir wieder neu,“ sagt Hanse-Obst-Mitbegründer Heinz Egleder, dessen Verein auch Wollverarbeitung ausprobiert: kardieren und spinnen mit drei vereinseigenen Spinnrädern, erste Erfahrungen mit natürlichen Farben aus Färberkräutern – eine spannende Sache.

Ganz neue Wege geht Milchschäferin Sandra von Pluto, ebenfalls Hanse-Obst-Mitglied: Ihre Herde besteht aus 24 Mutterschafen mit 33 Lämmern, die gern unter Obstbäumen grasen. Seit kurzem produziert die Berufsschäferin einen köstlichen Schafmilchjoghurt, die Wolle ihrer Krainer Steinschafe wird zu Strickgarn versponnen und eines Tages soll noch Schaf-Eis dazu kommen. Wer Schafe anschafft, sollte sich vorher gründlich informieren. „Schafe machen Arbeit, aber auch viel Freude“ sagt Hobbyschäferin Antje Gräfingholt aus Bad Schwartau, „wer Tiere hält, übernimmt die Verantwortung für ihr Wohlergehen und sollte einmal täglich nach ihnen sehen.“

Nicht eingezäunt können Obstbäume von Schafen bis zum Totalschaden entrindet werden. Foto: Hanse Obst
Nicht eingezäunt können Obstbäume von Schafen bis zum Totalschaden entrindet werden. Foto: Hanse Obst

Schafhaltung genau planen

Auch gibt es behördliche Auflagen zu beachten: Die Tiere werden beim Veterinäramt angemeldet und sind beim Tierseuchenfonds beitragspflichtig (fünf Schafe rund 35 Euro pro Jahr); Ohrmarken sind Pflicht. Auch eine Haftpflichtversicherung ist ratsam. Für Laien werden z.B. bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen Lehrgänge für Schafhaltung angeboten und es gibt diverse Bücher zum Thema. Wer die Tierenur als „Rasenmäher“ anschafft, wird enttäuscht. Sie sind Feinschmecker und verschmähen Bestände von Brennnessel, Goldrute oder Schilf. Andererseits sind nicht alle Pflanzen für Schafe verträglich und müssen vor der Beweidung entfernt werden. Auch Wasserversorgung, Klauenpflege, Schur, Winterquartier und Zufütterung sind vorab zu klären. Und Schafe sind Herdentiere, zwei oder drei sind Minimum. Insgesamt aber passen Obstbäume und Schafe sehr gut zusammen: Wer eine Schafweide hat, sollte regionale Obstbäume pflanzen als Schattenspender und wegen leckerer Früchte; wer eine geeignete Obstwiese hat, sollte Schafe als Untermieter erwägen. „Es sind liebenswerte und kluge Tiere,“ sagt Schaffreundin Gräfingholt, „unsere fünf Schafe erkennen mich von weitem.“ HEG

Weitere Informationen zur Schafhaltung

Hier finden Anfänger umfangreiche Tipps zur Schafhaltung und zur Wollverarbeitung:

Hobby-Schäferin
Antje Gräfingholt
a.graefingholt@gmx.net
www.hanse-obst.de

Schafprodukte wie Joghurt und Schafzwirn:
Berufsschäferin Sandra von Pluto
moin@milchschaeferei-amalia.de
www.milchschaeferei-amalia.de

Bücher über Schafhaltung:
Ann-Kathrin Gomringer „Unsere ersten Schafe“, Ulmer, 14,90 Euro

Christian Mendel „Praktische Schafhaltung“, Ulmer, 34,90 Euro

Behördliche Schaf-Registrierung:
Amtsärztlicher Dienst der Hansestadt Lübeck
Telefon 0451 122/12 47

Lehrgänge für Schafhalter:
Landwirtschaftliches Bildungszentrum Echem
www.lbz-echem.de

2
/
26
Datenschutz