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Home Themenwelten Gesamtausgabe Lübecker Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie: Wege aus der Isolation
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16:29 26.04.2021
Corona-Burnout? Seit Monaten hocken viele von uns im Homeoffice – ohne wirkliche soziale Kontakte. Das erzeugt Stress. Fachleute wissen, wie man sich helfen kann.ich he Foto: Ģirts – stock.adobe.com

In der letzten Zeit bemerken wir, dass mehr Menschen unseren Rat in Anspruch nehmen“, sagt Prof. Dr. Stefan Borgwardt, Direktor der Lübecker Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. „Daraus schließen wir, dass die psychosozialen Belastungen in der Gesellschaft während der Pandemie zugenommen haben.“ Insbesondere Symptome wie Schlafstörungen, Angst, Antriebslosigkeit sowie Depressionen und Suchtverhalten seien die Motive, mit denen sich die Patienten an das Lübecker Zentrum für Integrative Psychologie auf dem Campus Lübeck wenden. „Es sind die gleichen Anzeichen, die wir bei einem klassischen Burnout beobachten.“

Gründe für dieses „Corona-Burnout“ sieht Prof. Dr. Borgwardt in der Belastung der Psyche durch die Überforderung in Beruf und Alltag unter den Pandemiebedingungen. Homeoffice- und Homeschooling, Isolierung und permanent neue Verhaltensregeln bewirkten einen Dauerstress, der auf Singles und Familien, auf alte Menschen wie auf Kinder wirkt.

Prof. Dr. Stefan Borgwardt, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck Foto: hfr
Prof. Dr. Stefan Borgwardt, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck Foto: hfr

Dauerstress setzt Ängste frei

Die wiederholten Lockdowns, die das gewohnte soziale Leben blockierten, hätten spürbare und vielfältige psychosoziale Auswirkungen: Die Psyche reagiert auf diesen als Bedrohung empfundenen Dauerstress instinktiv mit Verunsicherung, Sorgen und Ängsten. „Die Menschen haben Angst vor der Krankheit, vor dem Verlust von Angehörigen, vor dem Verlust ihrer Arbeit.“

Wie Menschen mit dieser Angst umgehen, ist unterschiedlich: Je nach Widerstandsfähigkeit dramatisieren, verleugnen oder bagatellisieren sie diese Ängste. „Manche Menschen haben gelernt, sich selbst zu vertrauen und optimistisch zu sein. Sie haben Verhaltensmuster entwickelt, die ihnen Kraft geben, die gestiegenen Belastungen zu meistern“, erklärt Prof. Dr. Borgwardt. „Viele Menschen stehen diesen Anforderungen jedoch hilf- und mutlos gegenüber. Weil sich Angst und Depressionen gegenseitig bedingen, fühlen sie sich immer hilfloser und ohnmächtiger. Dies erhöht die Gefahr, dass sie seelisch zusammenbrechen.“

Jede Generation sei davon betroffen: In der ersten Phase reagieren Kinder mit einem großen Bewegungsdrang und werden unruhig, Eltern werden ungeduldiger, immer schneller aggressiv und suchen Entspannung in Alkohol, alte Menschen ziehen sich weiter zurück.

In der nächsten Phase beginnt der Leistungsabfall – begleitet von Konzentrations- und Schlafstörungen sowie Erschöpfungssymptomen. Dem folgt eine Art Entfremdung, eine Distanzierung vom Alltag, von beruflichen Aufgaben, vom eigenen Leben. Dieser innere Rückzug bewirkt zusätzlich Schuldgefühle und kann in eine tiefe Depression münden.

Resilienz lässt sich trainieren

Die Widerstandskraft gegen Stress, also die persönliche Resilienz, lässt sich trainieren. Eine Möglichkeit, aus dieser Spirale der Entfremdung mit dem eigenen Leben herauszukommen, ist es, das Problem anzusprechen. „Innerhalb der Familie, im Freundeskreis oder bei Kollegen einfach einmal zu erzählen wie es einem geht, öffnet die Türen für neue Perspektiven“, sagt Prof. Dr. Borgwardt.

Auf dem Austausch eigener Empfindungen und Erlebnisse basiere grundsätzlich der Erfolg der Psychotherapie bei Burnout-Symptomen: Gruppentherapien seien eine wirkungsvolle Methode, Menschen zu helfen. „Das reale Gespräch ist eine zwischenmenschliche elementare Notwendigkeit“, so der Psychotherapeut. Es sei besonders tragisch und geradezu ein Dilemma, dass dieses effektive Mittel, das gegen die Symptome dieser Zeit helfe, in Pandemiezeiten beschränkt sein müsse.

„In unserem Institut an der Uniklinik können wir unseren Patienten zum Glück diese Eins-zu-ein-Gespräche in Gruppen anbieten. Wir halten Gruppensitzungen in angemessenem Abstand und mit allen erforderlichen Hygienemaßnahmen ab und erfahren, dass sie sehr wichtig sind und den Patienten helfen“, erklärt der Direktor der Lübecker Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Ein direktes und offenes Gespräch mit Angehörigen und Freunden sei nichts anderes und auch auf privater Ebene in Pandemiezeiten möglich. „Menschen brauchen Freunde, die Familie, die Kollegen, weil diese sie emotional unterstützen und ihnen andere Perspektiven aufzeigen. Aus Gesprächen lassen sich Ideen entwickeln, die aus der Isolation und Hilflosigkeit hinausführen“, fügt Prof. Dr. Borgwardt hinzu.

Energiegewinnung durch Akzeptanz

Eine weitere Maßnahme sei es, die Situation zu akzeptieren: Während Menschen in der ersten Phase der Pandemie den Einschränkungen noch positive Seiten abgewinnen konnten, sei nun eine große Ermüdung eingetreten. Doch helfe es nicht, mit dieser Situation zu hadern. „Wer die Umstände akzeptiert, kann besser mit ihnen umgehen und sein Leben anpassen“, sagt der Lübecker Mediziner. „ Die gewonnene Energie lässt sich beispielsweise darauf verwenden Pläne für die Zukunft zu entwickeln: So kann man zum Beispiel mit der Familie besprechen, wie man den Sommer gestalten möchte.“

Kraft für diese Akzeptanz der Gegebenheiten gewinnt man dadurch, dass man sich regelmäßig Auszeiten nimmt. Das können Spaziergänge in der Natur sein, ein interessantes Buch, ein gutes Essen. „Wer sich regelmäßig etwas Schönes gönnt, tut auch seiner Psyche etwas Gutes.“ Sport steht ganz oben auf der Liste jener Maßnahmen, die Prof. Dr. Borgwardt empfiehlt. „Der positive Effekt von Sport auf Depressionen ist sogar messbar. Eine angepasste Maßnahme wäre also, dass derjenige, der früher gerne Mannschaftssport betrieben hat, sich nun beim Joggen auspowert.“

Wenn die Burnout-Symptome wie Schlafstörungen und Antriebslosigkeit, Depressionen und Suchtverhalten allerdings das Leben nachhaltig beeinträchtigen, wenn der Leidensdruck zu groß wird und wenn Angst verhindert, dass man sich den alltäglichen Aufgaben und Interessen widmet oder wenn Angehörige und Freunde äußern, man habe sich in letzter Zeit sehr verändert, dann ist der Besuch beim Hausarzt angezeigt. Dann kann eine psychotherapeutische Behandlung nötig sein. „Die Psychotherapie geht den Ursachen auf den Grund, macht Verhaltensmuster bewusst und öffnet die Türen zu neuem Verhalten. Das ist der Schlüssel zu mehr Selbstvertrauen und der Weg aus der Krise.“ cp
   

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