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Home Sonderthemen Wochenspiegel Mit 150 Kubikzentimetern durch Vietnam
17:12 02.06.2020
Ist der furchtlose Mopedfahrer dem Großstadt-Chaos entkommen, findet er auf den kleinen Landstraßen auch idyllische Momente, wie hier auf der Lagune vor Hue. Fotos: Anke Schwerin/Thomas Albrecht

Es ist Januar in Ho Chi Minh Stadt (einst Saigon), die Corona-Pandemie ist noch ein Gerücht, 35 Grad heiß, laut, staubig, mörderischer Verkehr. Als Langnase kommt man bereits zu Fuß nicht über die Straße, weil 10 000 Mopeds auf sechs Spuren unentwegt daherrauschen, auf großen Kreuzungen aus allen Richtungen ineinander fahren, irgendwie aus dem Chaos wieder auftauchen und ihre Fahrt fortsetzen. Anarchie scheint das Verkehrskonzept zu sein. Und unser Plan? In mehreren Städten in Vietnam ein Motorrad mieten und das Umland erkunden. Ein gute Idee? 

Moped-Tetris: Das Parken in Vietnams Großstädten ist eine Kunst für sich Moped.
Moped-Tetris: Das Parken in Vietnams Großstädten ist eine Kunst für sich Moped.

Um nicht gleich in der Großstadt unter die Räder zu kommen, fahren wir zunächst per Bus in eine kleinere Stadt im Mekongdelta. Can Tho entpuppt sich jedoch als 1,3 Millionen-Stadt. Die Fahrt über die meist gut ausgebauten Fernstraßen ist ein Verkehrsstudium. Autos fahren meist ganz links, überholt wird in der Mitte, die rechte Spur ist im Prinzip den den motorisierten Zweirädern vorbehalten. Bald ist das Neujahrsfest, also ist ganz Vietnam unterwegs. Ob „Lonesome Rider“, ganze Familien oder Pärchen mit riesigem Gepäck – aus allen Teilen des Landes sind sie mit dem Roller auf dem Weg nach Hause. Und dann sind da noch die Überlandbusse. Mit einem Affentempo und Dauerhupe pendeln sie zwischen der Mittel- und der Mopedspur hin und her. Wie ein Fischschwarm sprengen die Mopeds auseinander, wenn er verwegene Buschauffeur erneut die Spur wechselt, um eine paar Sekunden schneller am Ziel zu sein.

Basecap unterm Plastikhelm: Sieht seltsam aus, beruhigt aber Gemüt und Kopfhaut.
Basecap unterm Plastikhelm: Sieht seltsam aus, beruhigt aber Gemüt und Kopfhaut.

Mopedfahren in Vietnam – immer noch eine gute Idee? No risk, no fun! Mopeds und Motorroller kann man in vielen Hotels und Pensionen mieten. Fünf bis acht US-Dollar wird für eine 150-Kubikzentimeter-Maschine am Tag verlangt, größere Gefährte können 20 US-Dollar und mehr Kosten.

Nach einem Führerschein wurden wir nie gefragt, obwohl ein Internationalen Führerschein Pflicht ist. Allerdings muss es als Suizidversuch mit hohen Erfolgschancen gewertet werden, sich dort ohne Fahrpraxis in das Chaos zu stürzen.

Angemeldet und haftpflichtversichert sind die Mopeds in der Regel, Schäden am Moped und am eigenen Fell jedoch nicht. Ein Blick in Bedingungen der heimischen Haftpflichtversicherung und genaues Nachfragen beim Verleiher ist also ratsam.

Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Ausflug für die Enten ein gutes Ende nimmt.
Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Ausflug für die Enten ein gutes Ende nimmt.

Bekleidung dient in Vietnam meist nicht dem Unfall-, sondern dem Sonnenschutz. Braun sein ist hier absolut uncool. Insbesondere die Damen der Schöpfung fahren eingehüllt in langen Flattermänteln und Tüchern, aber mit Mundschutz vor dem Gesicht. Der sperrigen Kluft entledigt, entpuppen sich diese gespensterhaften Kreaturen nach der Metamorphose meist zu adrett geschminkten und gekleideten Wesen. Allen gemein ist ein wenig Vertrauen einflößender Plastikhelm – es herrscht strenge Helmpflicht. Die Helme von den Mopedvermieter sind oft etwas unappetitlich. Also selber einen kaufen oder eine Nummer größer nehmen, damit die Baseballcap drunter passt.

Mülltrennung in Vietnam: Trotz vieler „Kleinstunternehmer“ gibt es noch viel Luft nach oben.
Mülltrennung in Vietnam: Trotz vieler „Kleinstunternehmer“ gibt es noch viel Luft nach oben.

Jetzt geht aber wirklich los. Bereits an der ersten Ampel beginnt die erste Lektion. Rechts stehen rund 100 motorisierte Zweiräder. Die Ampel zählt die Sekunden bis grün herunter, schon fünf Sekunden vor Grün fährt die gesamte Moped-Armada los. Wer zögert ist ein Verkehrshindernis. Mopeds, die aus einer Seitenstraße kommen, warten nicht auf eine Lücke, sondern fahren einfach in den Schwarm hinein. Die anderen weichen aus, Vorfahrt zählt nicht. Dann kommt die erste große Kreuzung, wir müssen links abbiegen. Blinken beruhigt das europäische Gemüt, aber fördert nicht das schadlose Abbiegen. Es hilft nichts, wir müssen einfach nach links ziehen und – wie alle anderen – todesmutig in den Gegenverkehr fahren. Jeder guckt jeden an, macht einen kleinen Schlenker, auch wir fahren im Slalom durch den Schwarm und ganz plötzlich sind wir auf der richtigen Straße. Das Ziel ist die enge Uferstraße am Mekong.

Fährverkehr zu den Inseln vor Vung Tau: Hunderte Mopeds werden so täglich verschifft.
Fährverkehr zu den Inseln vor Vung Tau: Hunderte Mopeds werden so täglich verschifft.

Upps, da ist gerade Markt. Massen von Menschen, Mopeds, Karren und Auto quälen sich an den improvisierten Ständen mit exotischen Früchten und streng riechendem Trockenfisch vorbei und wir mitten drin. Im nächsten Straßencafé wollen wir anhalten. Selbst das Parken wird zum Abenteuer. Dem Tetris-Spiel im Gameboy gleich, wird jedes Moped von einem „Parkplatzguide“ gegen eine kleine Gebühr in Millimeterabständen auf Gehwegen und am Straßenrand aufgereiht. Jeder Zentimeter zählt. Geschafft, jetzt belohnen wir uns mit einem nach Kakao riechenden Kaffee, lassen den Angstschweiß trocknen, genießen die tosende Ruhe und schauen dem organisierten Chaos zu.

Markt in Can Tho: In der Straße am Mekong herrscht das organisierte Chaos.
Markt in Can Tho: In der Straße am Mekong herrscht das organisierte Chaos.

In den folgenden Wochen durchqueren wir bezaubernde Städte, darunter die Lampionstadt Hoi An, die alte Kaiserstadt Hue oder Dong Hoi als Startpunkt in die riesigen Höhlen des Phong-Nha-Ke-Bang-Nationalparks. Die hektischen Fahrten durch die Städte werden durch ruhige Straßen und eine wunderschöne Karstlandschaften belohnt. Einzig die Königsdisziplin haben wir noch ausgelassen – mit dem Moped durch Saigon oder Hanoi. Da machen wir uns bei der nächsten Vietnamtour mit dem nötigen Respekt und einem Schuss Gelassenheit heran – nach der Coronakrise. Thomas Albrecht

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