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Home Themenwelten Einkaufen & Shopping Die Strahlkraft des Mittelalters: Lübecker Restauratorin Maire Müller-Andraes Kirchenaltarbilder
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06:25 27.11.2021
In feinster Kleinarbeit und mit detaillierter Technik macht sich Restauratorin Maire Müller-Andrae ans Werk.

Handy? Computer? Fernsehen? Im Mittelalter Fehlanzeige. Wichtige Informationen erhielt man über andere Medien. Zum Beispiel über kunstvolle Kirchenaltarbilder. Sie vermittelten die biblische Geschichte und gaben Auskunft über den Auftraggeber. 
      

Berühmte Werke in der Hansestadt

Lübeck besitzt sehr viele mittelalterliche Retabel, weil in der Hansestadt extrem reiche Menschen lebten. Diese unterhielten einen boomenden Wirtschaftszweig, indem sie berühmte Maler mit der Anfertigung von Altären beauftragten. Das machte auch der Lübecker Kaufmann Hermann Plönnies so und bestellte 1515 ein Altarbild bei dem bekannten Maler Jacob van Utrecht. Das biblische Thema im Mittelteil: Die Verkündigung an Maria durch den Erzengel Gabriel. Auf dem linken Flügel: Der Stifter Hermann Plönnies mit seinem Schutzheiligen, dem Heiligen Matthias mit der Axt. Auf dem rechten Flügel: Plönnies Ehefrau Ida. Hinter ihr steht die Heilige Katharina.

Seit 2011 ist dieses Kunstwerk im Besitz des Lübecker St. Annen-Museums. Erstanden wurde es bei einer Auktion in London mit Mitteln aus einer Spende und Geldern der Kulturstiftung der Länder. Zuvor war es drei Jahrhunderte in Dänemark, in einem Schloss auf der Insel Gavnø, wo es den Namen „Gavnø Retabel“ erhielt. 1976 verschwand es von der öffentlichen Bildfläche. 
  

Auf den Flügeln des Retabels sind der Stifter Hermann Plönnies und rechts seine Ehefrau zu sehen. butt restaurierungen GmbH, Foto: Maire Müller-Andrae/Catherina Wruck
Auf den Flügeln des Retabels sind der Stifter Hermann Plönnies und rechts seine Ehefrau zu sehen. butt restaurierungen GmbH, Foto: Maire Müller-Andrae/Catherina Wruck

Restauratorin Maire Müller-Andrae nahm sich dem Kunstwerk an

Eine, die jeden Quadratmillimeter des Gavnø Retabels kennt, ist Maire Müller-Andrae. Die Diplom Restauratorin aus dem Lübecker Atelier butt restaurierungen, das Anfang 2020 den Auftrag des St. Annen Museums zur Restaurierung des wertvollen Stückes erhalten hatte, setzte sich intensiv mit dem Altarbild auseinander. Mehr als ein Jahr ist sie in das wertvolle Kunstwerk eingetaucht. Wie könnte sie den unter einer dunklen Schicht verborgenen leuchtenden Farben wieder ihre Strahlkraft wiedergeben? „Eine solcher Auftrag ist immer eine spannende Aufgabe“, sagt Maire Müller-Andrae. „500 Jahre gilt es nachzuvollziehen. Fünf Jahrhunderte mit nass kalten Wintern und heißen Sommern, mit Kriegen, mit unsanften Transporten und vor allem mit unsachgemäßen Bearbeitungen und Reparaturversuchen.“

Technik gibt Einblick über feinste Beschädigungen

Maire Müller-Andrae hat große Erfahrung mit der Restaurierung solcher Schätze Viele mittelalterliche Altäre sind unter ihrer Hand wiederbelebt und zum Leuchten gebracht worden. Wie eine Detektivin spürt die Diplom-Restauratorin Firnisse, Übermalungen, Verputzungen und Retuschen auf. Dazu nutzt sie auch moderne Technik: UV-Licht macht sie sichtbar. Röntgenstrahlen geben Einblicke in die Konstruktion des Kunstwerks. Mikroskope zeigen kleinste Schäden. Infrarotkameras lassen Unterzeichnungen erkennen. „Mit dem Technoskop kann ich alle Arbeitsschritte kontrollieren.“ Bevor Maire Müller-Andrae sich an die komplizierte Entfernung von Farb- und Firnisschichten macht, werden Proben aus der Malschicht naturwissenschaftlich analysiert. Das Wissen um die Art der verwendeten Pigmente und Bindemittel hilft der Expertin bei der behutsamen Abnahme der nicht originalen Zutaten.

Allein fünf Firnissschichten dunkel und hart gewordenen Leinöls muss die Restauratorin durchdringen, dann erst entdeckt sie das Original. „Das ist immer ein Moment der Überraschungen“, so Müller-Andrae. „Auch deswegen, weil mir hierbei oft Details ins Auge fallen, die bisher in der Forschung keine Beachtung fanden.“

Keine Maßnahme darf die Authentizität des Kunstwerkes beeinflussen

Geht es nach der Entfernung historischer Restaurierungsmaßnahmen an die Retusche, handelt die Restauratorin nach einem Grundsatz: „Wir sind dem Original verpflichtet und konservieren nur das, was überliefert ist. Keine Maßnahme darf die Authentizität des Kunstwerkes beeinflussen.“ Das mache auch den Reiz ihres Berufes aus. „Ich schaue dem Künstler noch 500 Jahre später auf die Finger.“ Sie sei sich bewusst, dass sich in vielen Jahren wieder eine Restauratorin dem Werk annehmen werde. Die hat es dann aber einfacher, denn eine Dokumentation beschreibt alle heutigen Maßnahmen. cp 
  

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