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Home Sonderthemen Gesamtausgabe Und jeden Abend geht der Mond auf
07:59 20.04.2020
Grafik: FotoIdee - stock.adobe.com

Neulich im Home-Office: Ich fuhr noch schnell den Rechner herunter, denn es war bereits sieben Uhr, da drangen plötzlich Trompetentöne – viele davon recht schräg – durch das Mauerwerk. Na toll, dachte ich noch, da werden sich die Nachbarn im Hause freuen. Tags darauf tönt es wieder um die selbe Zeit, allerdings ließ sich bei genauerem Hinhören eine Melodie erahnen. „Der Mond ist aufgegangen“, jenes Volkslied von Matthias Claudius, dessen Text wir vor Urzeiten in der Grundschule auswendig lernen mussten.

Am folgenden Abend saßen wir bei endlich frühlingshaften Temperaturen auf dem Balkon, als deutlich wahrnehmbar, erneut der „blecherne Mond“ aufging. Vier Mal erklangt das Lied, noch dazu etwas weniger schräg als die Tage davor. Der Versuch zu erkunden, wo die Klänge herkommen, scheiterte zunächst. Aus unserem Haus kamen sie offensichtlich nicht. Es brauchte einen weiteren Abend, bis wir eine kurzes Blitzen auf dem Rundgang hoch am Turm der in der Nähe gelegenen Kirche wahrnahmen. Da war er, der allabendliche Verkünder des Mondaufganges. In jede Himmelsrichtung blies der augenscheinlich ältere Herr das alte Volkslied über die Dächer der Stadt.

Seither sitzen wir jeden Abend auf dem Balkon und warten auf das Konzert. Wir fiebern regelrecht mit, honorieren die Fortschritte und drücken die Daumen, damit der beherzte Musiker ohne große akustische Unfälle durchkommt, wir leiden mit ihm, wenn er sich mal wieder deutlich verhaut oder ihm schlicht die Puste ausgeht. Allein die Geste zählt, ganz besonders in Corona-Zeiten. Inzwischen ist das Trompetenkonzert ein fester Bestandteil unseres heimischen Corona-Daseins, längst ein liebgewonnenes Ritual. Selbst der vor einem halben Jahrhundert erlernte Text bahnt sich langsam den Weg aus den tiefsten Tiefen des Gehirns. „Wie ist die Welt so Stille“ oder „Und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch“ – Textzeilen, die während des Shutdowns eine ganz neue Bedeutung erhalten. Nachdenklich und tröstlich zugleich. Morgen werden wir einen Zettel ans Kirchentor kleben – mit einem großen „DANKE“ darauf. tha

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