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Home Themenwelten Lübeck Dr. Patrick Terheyden, Lübeck: „Wir können unseren Patienten immer besser helfen“
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08:12 29.04.2021
Was in der vielfachen Vergrößerung wie eine harmlose Frucht aussieht, ist in Wirklichkeit ein gefährlicher Hautkrebs. Doch es gibt Hoffnung. Moderne checkpoint-Blocker aktivieren das eigene Immunsystem des Menschen. Foto: Christoph Burgstedt/stock.adobe.com

Akne, Gürtelrose, Schuppenflechte, Neurodermitis, Kontaktallergien, Hautkrebs und vieles mehr – die Haut ist nicht nur das größte, sondern auch ein sehr kompliziertes Organ des Menschen. Entsprechend vielfältig sind die Krankheiten. Die Lübecker Nachrichten sprachen mit Priv.-Doz. Dr. med. Patrick Terheyden (Stellvertretender Klinikdirektor und Leiter des Hautkrebszentrums Lübeck – Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie) über Vorteile der Patienten, die die interdisziplinären Behandlungsmöglichkeiten der Dermatologie an der Universitätsklinik Schleswig-Holstein (UKSH) nutzen können.

LN: Herr Dr. Terheyden, die Dermatologie am UKSH ist sehr breit gefächert aufgestellt. Welche Vorteile hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit für die Patienten?

Patrick Terheyden: Für die Patienten ist das ein enormer Vorteil wenn ich mit anderen Fachdisziplinen direkt zusammenarbeite, in denen ich mich nicht auskennen. Ich selbst bin Hautarzt und Hautkrebsspezialist. In der Hautkrebs-Behandlung arbeiten wir immer auch interdisziplinär. Neben dem Dermatologen sind unter anderem die Chirurgie, die internistische Onkologie und die Strahlentherapie vertreten. Gemeinsam wird die Therapie festgelegt. Aber auch bei Komplikationen ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit sehr wichtig. Wenn wir eine Immuntherapie machen, kann das die eigenen Organe angreifen, etwa die Schilddrüse. Da ist es wichtig, dass ich mit einem internistischen Onkologen eng und schnell zusammenarbeite. Interdisziplinär haben wir für die anderen Bereiche wiederum die Kompetenz für „unser“ Organ.

Welches Spektrum behandeln Sie in der Klinik?

Alle Hautkrankheiten. Wir behandeln schwarzen und weißen Hautkrebs, allergologische Erkrankungen, Neurodermitis und alle anderen Formen von Entzündungen des Hautorgan sowie die Wunden, die durch Durchblutungsstörungen entstehen. Und wir behandeln jede Altersstufe: vom Kind bis zum Senioren. Wir kümmern uns umfassend um die Sorgen und Nöte, die mit einer schweren Hauterkrankung verbunden sind.

Priv.-Doz. Dr. med. Patrick Terheyden, M.A. Stellvertretender Klinikdirektor und Leiter des Hautkrebszentrums Lübeck – Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie.
Priv.-Doz. Dr. med. Patrick Terheyden, M.A. Stellvertretender Klinikdirektor und Leiter des Hautkrebszentrums Lübeck – Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie.

Was sind spezielle Bereiche, in denen Sie arbeiten?

Hautkrebs ist ein wichtiger Bereich, dabei vor allem die Bereiche Medikamente und OPs, also Chirurgie. Das Thema Entzündungen der Haut ist ein sehr zentrales Thema für uns, da sind es vor allem Schuppenflechte, Neurodermitis und blasenbildende Hauterkrankungen – also Autoimmunerkrankungen – , die im Fokus stehen. Venenleiden sind außerdem ein ganz wichtiger Bereich an unserer Klinik.

Die Diagnose Schuppenflechte ist für viele Betroffene bis heute mit einem gewissen Schrecken verbunden. Die Krankheit galt immer als unheilbar. Gilt das immer noch? Gibt es aktuelle Entwicklungen?

An dem Institut für Entzündungsmedizin, das der Hautklinik zugeordnet ist, gibt es bei der Schuppenflechte wirklich sehr große Fortschritte. In den vergangenen Jahren haben wir ein immer besseres Verständnis der Prozesse aufbauen können. Die Entzündungsreaktionen, die bei der Krankheit ablaufen, sind sozusagen immer genauer aufgedröselt worden. Außerdem wurden immer bessere Medikamente zugelassen. Auch bei den Entzündungen der Haut werden Therapieentscheidungen in interdisziplinären Fallkonferenzen für schwer erkrankte Patienten festgelegt.

Also wird nicht allein mit Kortison behandelt?

Kortison ist sozusagen der Rasenmäher. Die Therapie ist natürlich nicht ganz ungefährlich. Neue Medikamente sind heute viel gezielter. Die Biologika, die in den vergangenen 20 Jahren entwickelt wurden, kommen immer näher an die Problematik heran.

Neurodermitis ist eine ähnlich stark verbreitete Krankheit. Ist es da ähnlich?

Absolut. Auch schwer leidenden Neurodermitis-Patienten können wir heute immer besser helfen. Auch hier werden die Entzündungen gezielter behandelt, mit Spritzen und Tabletten. Erst vor wenigen Monaten sind hier sind hier neue, sehr wirksame Medikamente zugelassen worden – auch für die Behandlung von Jugendlichen.


Gibt es weitere Bereiche, wo es neue Entwicklungen gibt?

Ja, beim Hautkrebs. Waren beispielsweise vor einigen Jahren Absiedlungen des schwarzen Hautkrebs im Gehirn noch innerhalb von wenigen Wochen tödlich, besteht mit den neuen Medikamenten und dem geschickten Einsatz von Operation und Strahlentherapie sogar die Option auf eine Heilung. In den vergangenen Jahren hat es in diesem Bereich gewaltige Fortschritte gegeben. Neue Medikamente beeinflussen das Immunsystem. Moderne Checkpoint-Blocker aktivieren das eigene Immunsystem des Menschen, so dass die Abwehrzellen die Krebszellen in Schach halten oder vernichten können.

Die Entwicklung neuer Therapien und Medikamente gehört zu den wissenschaftlichen Aufgaben des Universitätsklinikums. Welche Vorteile hat das für den Patienten, der zu Ihnen kommt?

Zunächst ist die wissenschaftliche Forschung ganz einfach die Basis von allem, was wir tun. Dann entwickeln wir natürlich vor allem therapeutische Ideen, die von den Pharmaunternehmen umgesetzt werden. Und deshalb verstehen wir sehr genau, wie die Therapien funktionieren. Aber wenn es um die Patienten geht, ist die Verbindung zwischen Wissenschaft und Anwendung auch bei der Diagnostik sehr wichtig. Zum Beispiel sind wir in der molekularen Forschung sehr weit vorn, das erlaubt uns, Krankheitsbilder besser im Bereich der Dermatologie zu bestimmen. Das führt auch viele Patienten zu uns und gilt in besonderem Maße für die blasenbildenden Autoimmunerkrankungen der Haut.

Hat sich durch die Pandemie das Interesse und Verständnis der Menschen für die medizinische Forschung verbessert?

Ja, die Menschen wissen durch die Berichterstattung um die Impfstoffe den Wert zuverlässiger und hochwertiger klinischer Forschung zu würdigen. Sie denken nicht mehr so sehr, sie seien das sprichwörtliche Versuchskaninchen, wenn sie zu uns kommen. Sondern sie entdecken den Wert von klinischer Forschung. Sie verstehen, dass ein Forschungsprojekt ihnen vielleicht ermöglicht, ein lebensrettendes Medikament in einem vielfach abgesicherten und qualitativ hochwertigen Prozess schon früher zu bekommen. Derzeit läuft zum Beispiel eine sehr komplexe Studie, bei der wir die Abwehrzellen gegen Krebs aus dem Krebs selbst gewinnen und im Reagenzglas vermehren. Die geben wir dann an den Patienten zurück. Erste Studiendaten erwecken Hoffnung. Und so muss es sein: Die hohe Qualität der Forschung an die Patienten weiterzugeben, das haben wir uns schließlich ja auch auf die Fahnen geschrieben.

Wie verstärkt das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein selbst die Verzahnung zwischen Forschung und Anwendung?

Wir haben an der Klinik zum Beispiel ein Clinical Scientist Programm der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) eingeworben, das es Ärzten in der Weiterbildung ermöglicht, sich gleichzeitig zu einem klinischen Forscher und einem guten Arzt ausbilden zu lassen. Es bietet einen verbindlichen Rahmen: zwei Jahre forschen, vier Jahre Weiterbildung. Die Absolventen haben hervorragende Karrierechancen und bringen die Medizin durch Vernetzung von Wissenschaft und Patientenversorgung voran. Forschung und Praxis gehören für uns zusammen. Wissenschaft sollte nicht in der Freizeit gemacht werden müssen. Oliver Schulz

UNIVERSITÄTSKLINIKUM SCHLESWIG-HOLSTEIN
Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie (Hautklinik)
Ratzeburger Alle 160
23538 Lübeck
www.uksh.de/dermatologie-luebeck
    

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